Kurzer Karorock mit Blindsaum

Das Standardbeinkleid der Schreibtischladys

Ein Inbegriff konservativer Kleidung der mitteljungen Bürotätigen ist der schwarze Bleistiftrock. Ein bischen kinky wird es mit Karos, schwingt doch da für manchen Betrachter ein Hauch von Schulmädchen mit. Wer sich nicht unangemessener Gedanken schuldig machen will, assoziiert vielleicht lieber den schottischen Gentleman und landet dann doch wieder bei der Frage nach nicht-vorhandenen Unterhosen.

Wie dem auch sei, ich wollte einen. Besser ich brauchte einen. Nachdem ich nun die ersten Wochen wieder im Beruf eingestiegen bin und mehr als Hoodies im babykotzekaschierendem Muster trage, stelle ich fest, ich mag im Job keine Jeans mehr tragen. Zuvor waren dunkle Jeans, Rolli und Blazer meine Arbeitsuniform, doch nun fühle ich mich diesem Look entwachsen. Doof, dass mir diese Erkenntnis kommt NACHDEM ich in die Welt posaunt habe, keine Klamotten mehr kaufen zu wollen. Nichtmal mit dem engagiertestem Mann/Vater der Welt, den ich mein Eigen nennen darf, hat man mit Kleinkind genug Zeit eine komplette neue Garderobe zu nähen. Aber anfangen werde ich trotzdem. Eins nach dem anderen und auf einen baldigen Frühling hofffen, meine Sommergarderobe ist deutlich vielseitiger.

Guter Einstieg ist ein einfacher, schmaler Rock mit Karos. Relativ schnell genäht und dank kluger Stoffwahl immerhin gut kompatibel mit Bestandskleidung und perfekt kompatibel mit meiner derzeitigen Lieblingsbluse. Ich finde es gerade hochgradig befriedigend bereits zusammenpassende Outfits aus selbstgenähten Teilen zusammenstellen zu können!

Das Material

Stoffquelle ist diesmal der große Allroundanbieter stoffe.de, bei dem ich immer mal wieder bestelle. Sonderlich spezialisiert ist er nicht aber Standardqualitäten findet man dort immer in großer Auwahl. Grundsätzlich möchte ich möglichst nur Naturfasern verwenden. Nach reiflicher Überlegung bin ich für Röcke und Hosen aber zu Ausnahmen bereit. Ohne einen gewissen Kunstfaseranteil, fehlt hier bei langem Sitzen einfach die dauerhafte Formstabilität. Priorität liegt dann doch bei Langlebigkeit. So handelt es sich hier um eine Viskose-Polyester-Mischung mit einem kleinem Elasthananteil.

Die Bilder entstanden gestern nach Feierabend, nachdem ich den ganzen Tag darin gearbeitet habe. Man sieht gut, dass der Rock absolut knitterfrei ist. Durch die 3% Elasthan war der Rock obendrein wirklich bequem.

Der Schnitt und die Anpassungen

Der Schnitt ist nicht wahnsinnig aufregend. Ich suchte nach einem Rockschnitt mit Standardpotenzial. Eher kurz, schmal und in der Taille sitzend. Die traurige Rockauswahl in meinem Schrank fordert hier Abhilfe ohne allzuviele zeitfressende Experimente. Etwas was ich in Serie produzieren kann. Ich entschied mich für einen Burda-Schnitt, der lediglich vorne eine kleine Teilung und eingesetzte Fake-Taschenpatten enthält. Fütterung ist für schmale Röcke ja obligatorisch. Ich verlängert um 10 cm, damit mir das gute Stück im Sitzen nicht über die Ohren rutscht. Im Sitzen ist es dennoch stattlich kurz. Burda ist manchmal ganz schön verwegen bei Rocklängen und Dekolletétiefen.

Mal wieder liess ich mich von der Größentabelle von Burda in die Irre führen. Brav alles gemäß meiner Maße und dieser Tabelle zugeschnitten, wurde es deutlich zu groß. Dummerweise ist es schwierig das Vorderteil nach dem Zuschnitt wieder zu Verschmälern. Nimmt man einfach an den Seiten etwas weg, funktioniert der obere Einsatz nicht mehr und die Taschenpatten landen an merkwürdiger Stelle. Oben zwischen diesen Einsätzen Abnäher zu setzen, erzielt eine dramatisch aufmoppelnde Wirkung. Also wurde ich hier dann doch experimentell und formte schräg verlaufende Abnäher, parallel zur Naht an der Teilung. Überraschenderweise funktionierte das und reduzierte den Taillenumfang um ganze vier Zentimeter. Obendrein sieht es absolut aus wie gewollt.

Merke also für den nächsten Rock aus diesem Schnitt: Vorder- und Rückenteile im Bruch verschmälern und nochmal ein paar Zentimeter verlängern.

Der Blindsaum

Einen unsichtbaren Saum mit Blindstich zu nähen klingt sicher für viele nach der ultimativen Herausforderung der Fingerfertigkeit. Locker bleiben, ihr werdet sehen das ist total easy! Eine dieser Techniken, die man super schnell drauf hat. In den Augen des mäßig kompetenten Betrachters aber aus der hobbyschneidernden Mutti eine Vollprofimaßschneiderin machen. Was zum auf der Brust rumtrommeln und stolz präsentieren, irh müsst ja niemandem verraten wie easy peasy das geht.

Schritt 1 Den Blindsaum vorbügeln

Die untere Stoffkante des Rockes zweimal nach innen einschlagen und festbügeln. So dass es so aussieht, wie ihr das später haben wollt. Den Umschlag dabei nicht zu schmal falten, wenn eure Stofflänge das zulässt ruhig  drei Zentimeter breit.

Saum bügeln für den Blindsaum

Nehmt euch jetzt unbedingt einen Stoffrest und macht mit dem genau das selbe.

Schritt 2 Blindsaum Origami

Jetzt muss der Saum noch einmal nach aussen gefalten werden. Schlagt den Saum so um, dass die eingeschlagene Stoffkante, die später innen im Rock verschwinden soll, aussen zu liegen kommt. Dabei sollte der doppelt liegende Stoffstreifen etwa einen Zentimeter sichtbar bleiben.

Saum falten für Blindsaum

Auch hier mit dem Stoffrest genauso verfahren.

Schritt 3 Den Blindsaumfuss einstellen

Jetzt kommt auch schon der schwierigste Schritt. Nehmt den vorbereiteten Stoffrest, legt ihn unter euren Blindsaumfuss und stellt an eurer Nähmaschine den Blindstich ein. Näht ein paar Zentimeter. Führt dabei die linke Stoffkante an der roten Führung des Blindsaumfusses entlang.

Blindstichfuss der Nähmaschine

Der Blindstich sieht aus wie ein Geradstich bei dem alle paar Stiche eine Zacke nach links ausschert. Die geraden Stiche sollen auf der rechts sichtbaren, einmal umgeschlagenen Saumkante verlaufen. Die Spitze dieser Zacke soll einzelne Fäden des Stoffes links des Saumes greifen. Wirklich nur einzelne Fäden. Sitzt sie Zackenspitze zu weit links, ist der Saum nachher nicht unsichtbar. Sitzt sie Zackenspitze zu weit rechts hält der Saum nicht.

Um das genau einzustellen, dreht man einfach ein wenig am Rädchen des Blindsaumfusses. Damit wird das rote Führungsteil, an dem ihr die linke Stoffkante entlang wandern lasst verstellt. Das Rad nach links drehen und die Zackenspitze greift etwas mehr Stoff. Das Rad nach rechts drehen und die Zackenspitze greift etwas weniger Stoff.

Schlecht eingestellter Blindstichfuss
Schlecht eingestellter Blindstichfuss, das rote Führungsteil des Nähfusses ist zu weit links
Korrekt eingestellter Blindstichfuss
Korrekt eingestellter Blindstichfuss

Wenn ihr euren Stoff wieder auffaltet, sollte der Saum glatt nach unten fallen können und nur bei genauem Hinsehen winzige Stiche eures Nähgarns zu sehen sein. Ich habe hier mal ein Teststück mit rotem Garn genäht, damit es besser erkennbar ist.

Aussenansicht bei falsch eingestelltem Blindstichfuss
Aussenansicht bei falsch eingestelltem Blindstichfuss
Aussenansicht bei korrekt eingestelltem Blindstichfuss
Aussenansicht bei korrekt eingestelltem Blindstichfuss

Ist der Blindsaumfuss einmal richtig eingestellt, könnt ihr einfach einmal um den Saum rumnähen, als würdet ihr eine einfache gerade Naht setzen.

Blindsaum am fertigem Rock

Mit der richtigen Garnfarbe verschwinden die winzigen Stiche komplett im Material. Nach dem Zurückfalten nocheinmal drüber Bügeln und das wars auch schon!

So jetzt zücken alle ihre Smartphones und stöbern sich durch die Linkpartys der Hobyschneiderinnen SewLaLa und DuFürDich  😉

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