Die Suche nach dem Farbtyp

Wie vermeide ich zukünftig Fehlprojekte?

Egal wie man es macht, es bleibt immer ein Risiko, dass das was man näht am Ende nicht so recht zu einem passt. Beim Shoppen kostet ein Kleiderexperiment fünf Minuten im deprimierenden Licht einer Umkleidekabine. Beim Nähen kostet es viel Zeit, einiges an Material und immer auch ein bisschen Herzblut.

Nachdem ich nun mit einem Kleid völlig danebenlag und eine Bluse genäht habe, bei der ich mir nicht sicher bin, ob ich sie tragen werde, sollte ich da allmählich zu einer Lösung kommen. Ich bin ja bereits dabei Kapsel für Kapsel meiner Garderobe durchzugehen was ich habe und was ich brauche. Es fehlt mir aber noch der logische Folgeschritt, in dem ich genauer überlege wie das, was ich benötige, aussehen sollte.

Folgende Punkte scheinen mir überlegenswert:

  1. Festlegung welche Farben für mich eine sichere Bank sind
  2. Welche Linienführung mag ich an meinen Proportionen
  3. Welche Schnittdetails passen zu mir

Zunächst setze ich mal meinen Fokus auf Farbe.

Mein Farbtyp nach Jahreszeitenmodell

Die meisten schlauen Webseiten zu dem Thema differenzieren den weiblichen Teil der Menschheit (komischerweise geht es wirklich immer und ausschliesslich nur um Frauen) in vier Typen – Frühling, Sommer, Herbst und Winter. Dazu findet man dann wahlweise die dringende Empfehlung sich an eine professionelle Beratung zu einem absoluten Schnäppchenpreis zu wenden oder tolle Tests, die mich an die Bravo erinnern („Bin ich Skatergirl, Gothicmieze oder Powertussi?“).

Ich nehme das mal sportlich und teste mich hier , hier und hier. Dabei wird jeweils nach Hautton, Augenfarbe und natürlicher Haarfarbe gefragt und jeweils noch nach einigen anderen mehr oder weniger plausiblen Kriterien (trägst du lieber Kleider oder Hosen?). Demnach bin ich ein Sommertyp. Grundsätzlich stimme ich dem zu, ich mag lieber 35 Grad unter Palmen, als Schnee auf dem Berg. Dafür werden vor allem kühle Pastelltöne empfohlen.Dabei auch viel gelb und grün. Spontan überzeugt mich das nicht aber ich versuche mal offen zu bleiben und krame in meinem Schrank und meinem Stofflager nach geeigneten Textilien, um das zu testen. Bei Gelb muss ich aber passen. In meinem ganzen Haushalt findet sich nichts gelbes.

Schwierig ist jetzt noch das richtige Licht auf den Fotos, so 100% habe ich den Weißabgleich nicht hinbekommen. Ich bin deutlich weniger gelbstichig im Teint.

Hellgrün

Farbtest mit hellgrün

Hellblau

Flieder

Rosa

Also diese Bilder überzeugen mich jetzt nicht so vom Funktionieren des Farbtypsystems. Ich finde Hellgrün und Flieder gehen wirklich überhaupt nicht! Hellblau und überraschenderweise auch Rosa ist okay.

Mein Farbtyp im 12-er Schema

Es gibt dann noch das nächste Level, das trennt in 12 Farbtypen. Das wird hier ganz hübsch aufgezeigt. Dabei wird den Jahreszeiten noch ein Cool,Warm, Deep oder Soft voran gestellt. Die Komplexität steigt und mein Logikempfinden hat ein Problem mit meinem Typ: Cool Summer. Klingt für mich nach ruinierten Ferien. Die zugehörigen empfohlenen Farben sind viel Blau bis ins Petrol und wieder pudriges Rosa. Alles sehr pastellig.

Überzeugt mich immer weniger.

Fuck the System

Nachdem ich nun festgestellt habe Pastelltöne sind nicht so der Kracher, ignoriere ich doch die Vorgabe die angeborene Haarfarbe zu verwenden und mache das Ganze nochmal mit meiner tatsächlichen und immerhin seit meinem 13. Lebensjahr stabilen Haarfarbe. Jetzt bin ich Herbst. Im 12-er Schema existiert keine Mischung aus kräftig rotem Haar und hellen blauen Augen.

Für den Herbst werden ebenfalls  Blau und Petrol empfohlen, aber deutlich kräftiger. Zusätzlich kommt warmes Orange und Rot dazu. Ich teste also mal kräftigere Farben.

Rot

Türkis

Dunkelgrün

Dunkelblau

Sieht doch viel besser aus!

Ich bitte nochmal eine Freundin um einen Abgleich Selbstbild – Fremdbild und sie bestätigt mir: rot ist Knaller und die kräftigen Grün- und Blautöne gehen super. Sie hatte mich kürzlich auch in der Bubikragenbluse fotografiert und erwähnt nochmal explizit, dass dessen Kobaltblau mich ebenfalls richtig gut kleidet. Die in meinem Schrank mit Abstand am häufigsten vertretene Farbe – Schwarz – bekommt von ihr bei der Gelegenheit eine klare Absage. Doof irgendwie, ich mag manchmal die Strenge von schwarz.

Auch wenn das ganze Farbsystem, das im Netz von manchen fast kultisch betrieben wird, für mich offenbar nicht funktioniert, habe ich immerhin einige Erkenntnisse gewonnen: tatsächlich stehen mir manche Rosavarianten ziemlich gut. Im Schrank habe ich davon extrem wenig, dabei lässt sich das doch so gut mit meinem favorisiertem Blau kombinieren. Ich glaube ich bin da so zurückhaltend, weil ich um Himmels Willen bloss nicht mit einem Prinzesschen verwechselt werden will. Nach dem Motto „Farben sind für alle da“ gebe ich dem zukünftig mal eine  Chance. Obwohl ich rot sogar sehr, sehr gerne mag , finde ich auch das fast gar nicht in meiner Garderobe. Da geht noch was!

 

Psychologische Wirkung von Farbe

Es gibt aber auch einen ganz anderen Blick auf Farbe. Den der unabhängig von mir ist und mehr meinen gegenüber und dessen Wahrnehmung in den Fokus nimmt. Wenn ich mit meiner Kleidung eine bestimmte Wirkung erzielen möchte oder eine bestimmte Stimmung nach aussen tragen möchte, wird die psychologische Wirkung von Farbe interessant. Ich finde dieser Aspekt wird in den gängigen Farbberatungen (zumindest denen die Online existieren) viel zu sehr vernachlässigt. Hier sind die Bedeutungen von Farben schön aufgezeigt.

Grundsätzlich kann jede Farbe positive und negative Assoziationen wecken. Dabei ist allerdings die Bedeutung und Wahrnehmung von Farbe auch nach kulturellem Umfeld unterschiedlich. So steht schwarz im europäischem Raum für Trauer, in Japan jedoch ist weiß die Farbe der Trauer. Die Frage ist hier in welchem Umfeld ich mich bewege und welche Assoziationen hier erwünscht sind, sowohl von mir als auch von einem Umfeld.

Beweg ich mich beispielsweise im eher konservativem beruflichem Umfeld ist eine Austrahlung von Dunkelblau, welches mit Kompetenz verbunden wird, sicherlich erstrebenswerter als zartes rosa welches eher für „verträumte Empfindsamtkeit“ steht. Auch wem die Onlinetests  eindringlich Pastelltöne ans Herz legen, muss sich also überlegen wie das beispielsweise mit  beruflichen Ambitionen, die eher nach optischer Stärke verlangen, zusammengeht.

Vielleicht fühle ich mich aber in meinem innersten als zarte Elfe. Dann darf mir gerne egal sein ob ich ein Wintertyp bin und sollte mich in Pastell hüllen soviel ich mag. 

Praktischer Nutzen von Farbe

Ein letzter Punkt zum Thema Farbe und Kleidung fällt mir noch ein. Der praktische Nutzen. Warum sind eigentlich gefühlte 99% aller Wintermäntel schwarz, dunkelbraun, dunkelgrau oder ganz verwegen dunkelblau? Nachts sind alle Katzen grau und im Winter alle Menschen finster drauf und noch finsterer gekleidet. Ich liebe ja lebensmüde Fussgänger die im Dunkel der morgendlichen Rushour hinter parkenden Autos hervor und vor meine Motorhaube springen. Stets gut verborgen vor müden Augen in fröhlichem Großstadtgrau,  BurnOutBraun oder Strassenschmutzschwarz.

Wie es sich gehört wenn man sich so schön über andere aufregt, ist meine Winterjacke auch braun.  😉

Fazit

Eigentlich möchte ich all diese Systeme und Kategorisierungen über Bord werfen und in die Welt brüllen: ich trage worauf ich Bock habe!!!

Aber mein Plan ist ja zu einer Garderobe aus untereinander kombinierbaren Teilen zu kommen. Da nähen immer noch länger dauert als kaufen, ist die Zahl der Kleidungsstücke auf ganz natürliche Wiese beschränkt. Es macht also wirklich, wirklich Sinn hier einen Plan zu haben.

Aus all diesen Erkenntnissen ziehe ich für mich jetzt raus:

  • Hauptsächlich wird in Dunkelblau, Rot und weiß genäht.
  • Für ein wenig Abwechslung ergänze ich Petrol und Rosé.
  • In meiner Campingplatz- und Zuhause-Kapsel gestatte ich mir ein wildes Austoben beim Stoffshopping und einfach Spass mit Experimenten.

Comments (4)

Das klingt doch nach einem Plan. Ich bin gespannt wie das Projekt weitergeht. Und ich finde auch starke Frauen können ab und an etwas Rosa tragen 🙂
VG Anke

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